Ich war mit meinen Kindern schwimmen und kam gerade aus dem Schwimmbad. Ohne mir groß was dabei zu denken, habe ich mir heute Morgen meinen Pullover mit der Aufschrift “FCK NZS” angezogen. Beim Verlassen des Schwimmbades spricht mich jemand an, er klang erst freundlich interessiert, wo ich den den Pullover her hätte. Ich antwortete, ich wüsste es nicht, er sei ein Geschenk gewesen. Auf einmal schlug seine Stimme, um, er fing an zu pöbeln und sagte, er sei ja selbst Nazi. Ich war so baff und hatte ja auch meine Kinder dabei, dass mir nur einfiel, ihm dann noch einen schönen weiteren Lebensweg zu wünschen. Er nannte mich zum Abschied “Schwachkopf” und verschwand im Schwimmbad.
Ich ärgere mich jetzt nur, dass diese Begegnung in meinem Kopf im Nachgang zu viel Platz einnimmt. Egal welchen pointierten Spruch ich gehabt hätte, es hätte eh nichts geändert, trotzdem ärgere ich mich mal wieder, wie wenig schlagfertig ich bin. Die Kinder haben es zum Glück gut verarbeitet und wir haben auf dem Rückweg noch darüber geredet.
Ich frage mich jetzt nur, ob dieser Mensch ganz andere Probleme hatte oder ob wir inzwischen wieder so weit sind, dass man sich bei Tageslicht auf offener Straße wieder traut, sich selbst als Nazi zu bezeichnen.


Na, scheint ja einen irgendwie gearteten Redebedarf gehabt zu haben 😆
Ich weiß nicht. Ich geh solchen Leuten auch meist einfach aus dem Weg, es sei denn ich hab irgendwie selbst Bock auf Konfrontation… Man versteht ja so vieles nicht. Warum müssen Leute direkt in den Bus drängeln bevor die Leute raus sind, Omas immer direkt am Ende der Rolltreppe stehenbleiben… Warum können literally 40% der Leute nicht vernünftig Auto fahren, Fahrrad und E-Scooterfahrer nicht vernünftig nach links und rechts gucken bevor sie über Rot kacheln… Keine Ahnung, ich hab mich glaube ich einfach damit abgefunden, dass diese Leute irgendwie Teil der Gesellschaft sind. Und man denen auf der Straße begegnet… Kann ja nicht jede:r sauber ticken?! Muss Mensch sich dann selber überlegen ob es sich lohnt die Leute dann anzuscheißen, oder das vergeudete Liebesmüh ist.
Vernünftig.
“Wenn ich nich ganz vorne bin, sind womöglich die guten Plätze weg bis ich drin bin!”
Das ist tatsächlich der eine Fall, bei dem ich ungeniert Raunzer verteil oder mich auch mal anrempeln lass um dann anzuscheißen, sie sollen doch erst aussteigen lassen. Die meisten reagieren darauf auch irgendwie schuldbewusst. Ich bin sonst hart People Pleaser, aber bei dieser speziellen Sorte von Drängler werd ich ungemütlich.
Orientierungslos? Unsicher, wo sie hin müssen? Langsame Reaktion auf das wieder-selber-laufen müssen?
Weil die Blechkiste eine räumliche und visuelle Distanz zwischen Menschen schafft, was den Egoismus begünstigt; die Menge der Teilnehmer es erschwert, den Verkehr als soziales Gefüge von Erwartungen und Entscheidungen zu verstehen und als kooperatives Spiel zu behandeln; die hohen Geschwindigkeiten das Risiko durch menschliche Fehler und Selbstüberschätzung deutlich verschlimmern; die Mischung aus niederschwelliger Wachsamkeit und Routine ohne nennenswerte Stimulierung auf dauer ermüdet und strapaziert; das Fahren meist kein Selbstzweck ist und der Wunsch, bald anzukommen, ungeduldig macht; Änderungen an den Regeln des “vernünftig Auto fahrens” nicht bei allen ankommen; schlechte Angewohnheiten oft erst im Krisenfall, wenn überhaupt, erkannt werden; die eigenen Verstöße oder Ungenauigkeiten einleuchten, weil man die eigenen Motive und Gedanken ja kennt, während abweichendes Verhalten anderer oft befremdlich bleibt…
Weil wir mit einem Minimum an Training auf formelle Tauglichkeit geprüft werden, ohne dass unser langfristiges Fahrverhalten effektiv beurteilt werden kann oder unser intuitives Verständnis für den Sinn der Vorschriften und die Sozialdynamik der Verkehrsteilnehmer regelmäßig nachgeschärft werden, und wir dann ans Steuer tödlicher Maschinen gesetzt werden um durch ein ohnehin schon stressiges Leben zu hetzen, mit Geschwindigkeiten die sowohl das Risiko bei Fehlern erhöhen als auch die Reaktionsfenster verkleinern und somit doppelt gefährlicher werden.
Sie vergessen, dass andere am Steuer tödlicher Maschinen sitzen und mit Geschwindigkeiten etc.
Ich glaube, damit lebt man glücklicher. Vor allem, wenn man sich bewusst macht, dass man selber auch Fehler macht, finde ich es leichter, anderen ihre nachzusehen und sie so hinzunehmen. Ich tick auch nicht in allen Dingen perfekt, aber was soll’s? Ich tu mein bestes, und ich glaube, das tun die meisten, auch wenn ich natürlich ihre Fehler viel deutlicher sehe als all die Male, wo sie was richtig machen, Fehler vermeiden oder korrigieren bevor ich sie sehe.
Klar, gibt auch Arschlöcher und Idioten. Die stehen dann vorm Bus und wollen rein und sind verdutzt, dass ihnen da wer im Weg steht der raus will 😉
Danke für die weisen Worte. Mit den Leuten am Bus halte ich das tatsächlich genauso. Also ich rempel jetzt keine Omis um… Aber ist auch so meine Situation wo ich dann mal nicht extra um Leute herumlaufe und es ihnen möglichst einfach mache.
Ja, die leben ja manchmal auch nicht antizyklisch, sondern fahren zu Berufsverkehrzeiten. Und dann fahren sie die Rolltreppe zu Gleis 11 rauf, machen einen einzelnen Schritt und bleiben ersteinmal stehen um sich ausgiebig umzuschauen wo sie jetzt so sind. Während die Rolltreppe dann die nächsten 150 Pendler in ihren Rücken schiebt… Das ist dann halt etwas ungünstig für alle Beteiligten… Und kommt auch gar nicht so selten vor. Die machen das aber nicht aus Boshaftigkeit. Wahrscheinlich kein gutes Beispiel für irgendwas.
Na, ich bin ja wohl der eine perfekte Autofahrer 😅
Aber das stimmt wohl. Es ist nicht ganz so einfach. Gleichzeitig ist, sich mit den anderen 5 Millionen Menschen (oder so) durch die Blechlawine im Ruhrgebiet schieben eine Gruppenaufgabe und das fordert ein gutes Maß funktionierendes Teamwork. Und ein, zwei dumme Entscheidungen haben im Straßenverkehr ja oft überproportional große Auswirkungen. Und letztlich wollen alle dort pünktlich (und unversehrt) zur Arbeit und wieder nach Hause.
Es gibt genau drei Sorten von Autofahrern:
Ich glaub ich hab noch keine Omi gesehen, die sich in den Bus drängt. Tendenziell haben die eher Schwierigkeiten, überhaupt alleine reinzukommen. Da macht das umrempeln ja keinen Spaß, wenn das zu einfach ist 😉
Kinder hau ich auch im Allgemeinen nicht um. Zumindest nicht aktiv. Kann ich ja nix dafür, wenn sie von mir abprallen, weil ich nicht schnell genug aus dem Weg geh… Aber meistens will ich da hoffen, dass es mehr kindlicher Übermut als Egoismus ist, und eine Ermahnung oder Erinnerung “Erst aussteigen lassen, dann is auch mehr Platz” noch fruchtet. Hat auch meistens den gewünschten Effekt.
Teenies… Naja, der eine oder andere schimpft mir vielleicht hinterher, weil er sich eher profilieren will. “Die Jugend von heute” ist da nicht arg anders als die Jugend von als ich noch Jugend war.
Nur bei Erwachsenen werd ich kaltschnäuzig. Ich kann einen Rempler ab, da trifft es dann lieber mich als dass jemand kleineres umgerannt wird weil Dieter Wichtigmann keine Zeit für uns Nebencharaktere hat.
(Der Maskulin ist hier jeweils bewusst gewählt — ich hatte einmal eine Frau, die da gedrängelt hat, aber insgesamt den Eindruck, dass das eher eine Männer-Marotte ist. Kann natürlich auch sein, dass das nur mein Male Privilege ist.)
Oder machen zu “morgens schnell auf dem Weg zur Bahn noch ein Frühstück holen” Zeiten erstmal gemütlich zusammen Großeinkauf. Zwei Wagen voll, und der arme Herr hat fortgeschrittenen Parkinson. Da ist helfen dann plötzlich gar nicht mehr so selbstlos…
Kann natürlich auch Masche sein, dass man sich auf die Weise die Hilfe ungeduldiger Pendler sichert, aber wenn ich immer nach bösen Motiven suche werd ich menschenfeindlich. Hab ich lang getan, kann ich nicht weiterempfehlen. Null Sterne, das kurze Gefühl der Überlegenheit ist einfach die dauernde Misere nicht wert. Deshalb bin ich da eher bei dir:
Wenn ich eine Begründung suchen müsste, würde ich annehmen, dass sie aus jahrelanger Gewohnheit immer noch zu ähnlichen Zeiten aufstehen. Und warum die Zeit dann nicht nutzen? Dass andere da mehr Zeitdruck haben geht dann vielleicht tatsächlich irgendwo unter. Will ich ihnen nich übel nehmen.
Gerade bei Berufsverkehr fliegen so manche Margen halt ausm Fenster. Wenn du bei Stau langsam rollst statt Stop-and-Go fängt irgendein Arsch an zu hupen oder schert vor dir in die Lücke als ob ihm das irgendwie Zeit spart. Wenn du großzügig Sicherheitsabstand bewahrst ebenso.
Ich versteh ja, dass das Selbstbeherrschung fordert, nicht direkt aufzuschließen (wobei das leichter wäre, wenn alle das so machen), aber wer sich schon nicht selbst beherrschen kann, sollte vielleicht auch kein Auto beherrschen dürfen.
Aus persönlicher Erfahrung sind manche Regeln glaub aber vielen einfach nicht geläufig oder bewusst. Meine Schwiegermutter fragt allen erstens, warum die denn bei Stau alle so weit zur Seite fahren. Rettungsgasse? “Hab ich noch nie gemacht.” Beim Reißverschluss möglichst bis zum Ende ausfahren, statt vorher schon rüberzudrängeln? Offenbar auch Blödsinn.
Ich frag mich auch, wie viele wissen, wie man mit kreuzenden Fußgängern an rechts-vor-links Kreuzungen umzugehen hat. Mein Fahrlehrer hat mir da mal eindrücklich einen Einlauf verpasst: Wenn jemand die Straße überquert, auf die du einbiegst, gilt der Fußgänger als “Geradeaus-Verkehr” und hat Vorrang vor dem Abbiege-Verkehr (sprich: dir). So wie manche unversehens im Wohngebiet um die Ecke heizen glaub ich aber nicht, dass sie das wissen. Und da ich keinen Grabstein mit “Er hatte Vorfahrt” will, warte ich da lieber.
Diese Solidarität und Geduld ist das, was ich sowohl in den Öffis als auch auf den Straßen oft vermisse. Das ist halt ein Vorschuss-Spiel: Ich muss dir Vertrauen entgegenbringen, ohne zu wissen, ob ich das auch heimgezahlt bekomm oder ob du mich ausnutzt. Wenn jeder seinen Egoismus mit “die anderen ja auch” begründet, ist das eben ein Equilibrium, bei dem keiner sein Verhalten ändern will.
Aber nach dem Grundsatz “Be the change you wish to see” versuche ich trotzdem, positiv zu sein. Gibt genug Groll in der Welt.
Danke an der Stelle auch für den schönen Austausch. Sowas ist der Grund, warum ich lange Kommentare schreibe: Die Hoffnung, dass ein nettes Gespräch daraus wird.